Erschienen in der Zeitschrift „Deine Gesundheit“, Ausgabe November/Dezember 2017

Die vergangenen Jahrhunderte haben große Heilkundige hervorgebracht, wie den griechischen Arzt und Naturforscher Galen, den „Vater der Heilkunde“ Hippocrates, den Arzt und Alchemist Paracelsus, die Benediktinerin und Universalgelehrte Hildegard von Bingen oder auch den „Wasserdoktor“ Sebastian Kneipp. Aber auch das 21. Jahrhundert hat seine „Helden“ – Menschen, die durch ihre authentische Lebenshaltung und ihr Engagement auf dem Gebiet der Heilung viele Wahrheitssuchende inspiriert haben und immer noch inspirieren. Durch ihr tiefes Wissen und ihre Erfahrung haben sie die Grundprinzipien ganzheitlichen Heilens erweitert und dem modernen Menschen näher gebracht. Mit einigen dieser herausragenden Persönlichkeiten hat Anne Devillard Interviews geführt und sie in ihrem Buch „Heilung aus der Mitte – Werde der, der du bist“ veröffentlicht, das jetzt in der 4. aktualisierten Auflage erschienen ist.

Viel Zeit ist vergangen, seitdem Hildegard von Bingen oder Sebastian Kneipp die medizinische Welt mit ihren Entdeckungen und ihrem Wissen bereicherten. Und doch: Die tiefen Spuren, die sie im Bewusstsein vieler gesundheitsbewusster Menschen hinterlassen haben, sind immer noch spürbar, insbesondere in Deutschland, wo die Naturheilkunde auf fruchtbarem Boden fiel und besonders gut gedeihen konnte. Sichtbar wird dies an den zahlreichen Heilpraktikern und naturheilkundlich orientierten Ärzten, die in den letzten Jahrzehnten eine Praxis eröffnet haben, und an der zunehmenden Zahl von Menschen, die zu Naturheilmitteln greifen. Naturmedizin ist mittlerweile der großen Mehrheit der Bevölkerung vertraut und sogar für immer mehr unverzichtbar geworden. Nicht nur die natürlichen und nebenwirkungsfreien Heilmittel – nach dem Prinzip „Primum nil nocere“: Hauptsache nicht schaden! – stehen im Fokus des Interesses der Patienten, sondern besonders auch die holistische Herangehensweise an die Krankheitsbilder. Ganzheitlich orientierte Behandler betrachten den Körper, den Geist und die Seele als eine untrennbare Einheit und alle drei Ebenen werden in ihrer Therapie berücksichtigt.

Bewusstwerdungs-Prozess

Das 20. hat ebenso wie das 21. Jahrhundert überragende Persönlichkeiten hervorgebracht, die maßgeblich dazu beigetragen haben, durch ihre Erfahrung, ihr Wissen und nicht zuletzt durch ihre gelebte Spiritualität die Frage: „Was ist Heilung?“ zu vertiefen. Wir leben in einer Welt, in der die stets auf uns einwirkenden negativen Meldungen uns vergessen lassen, dass es sie gibt: Menschen, die durch ihre Lebenshaltung, ihr Engagement und ihre Art zu denken uns inspirieren und anregen, unser Leben im Einklang mit den Naturgesetzen auf authentische Art und Weise zu leben. Es sind Menschen, die sich grundsätzliche Fragen über das Leben und den Tod stellen und wie wir in dieser Zeitspanne gesund bleiben können. Für sie ist Gesundheit mehr als das Fehlen von Krankheiten. Gesund zu sein bedeutet in der Tiefe, ein auf der körperlichen, geistigen und seelischen Ebene erfülltes Leben zu führen. Sie haben den Begriff der Heilung um eine weitere Dimension ergänzt, indem sie den Heilungsweg als eine Bewusstheitswerdung betrachten, als einen Prozess, während dessen wir den Kontakt zu unserem inneren Selbst (wieder) herstellen und alle Teile unserer Persönlichkeit – inklusive der ungelebten Anteile – integrieren.
Diese Menschen, die sich mit dem Heilwerdungsprozess auseinandersetzen, kommen aus der ganzen Welt und aus den verschiedensten Bereichen wie Medizin, Kunst, Wissenschaft, Ökologie oder Spiritualität. Sie zeigen uns, dass gleichgültig welchen Weg wir wählen, es darum geht, unseren tiefsten Kern zu erkennen und in diesem jetzigen Leben nach außen zu bringen.
„Gesundheit ist in erster Linie eine Frage des Bewusstwerdens,
und das geschieht durch Reflexion,
die auf ganz unterschiedlichen Wegen erfolgen kann.“
(Clemens Kuby)

Stress – Krankheitsfaktor Nr. 1

Für Serge Kahili King, hawaiischen Schamane aus der Huna-Tradition, hat Heilung mit fließender Energie zu tun. Der Fluss der Energie kann durch verschiedene Faktoren gestört werden. Gerät der Körper durch anhaltenden körperlichen oder emotionalen Stress in Anspannung, ist der Weg für Krankheiten frei. Denn Stress unterbricht jegliche Kommunikation mit dem Körper und seinen Selbstheilungskräften. Stellen wir den Kontakt zwischen unserem Körper und unserem Geist wieder her, zum Beispiel mit Visualisierungen und Bewegung, kommt die Energie wieder in Fluss, und Heilung kann stattfinden.
„Alle Krankheiten sind mehr oder weniger die Folge
von anhaltenden stress-bedingten Zuständen.“
(Serge Kahili King)

Dass Stress die Hauptkrankheitsursache ist, bestätigt Dr. Wolf Büntig, Arzt für Psychotherapie und Lehrtherapeut für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Gestalttherapie und Bioenergetik. Vor 45 Jahren gründete er in Penzberg ZIST, ein Zentrum zur Entwicklung menschlicher Kompetenz durch Selbsterfahrung. Unermüdlich arbeitet er an der Entwicklung einer potentialorientierten Psychotherapie, die über die Bewältigung von Trauma und Mangel hinaus die Verwirklichung des im Menschen angelegten Potentials anstrebt.
Seiner Auffassung nach, wie Stress entsteht, geht Wolf Büntig einen Schritt weiter und sagt: „Der größte Stress entsteht, wenn wir an uns vorbei leben und unser Leben unerfüllt bleibt“ – eine Erkenntnis, die ganz tief in uns wirkt und uns zum Nachdenken bringt. In seinen Augen leben wir an uns vorbei, wenn wir – mit viel Energie – versuchen, so zu sein, wie wir nicht sind; wenn wir uns bemühen, etwas darzustellen, etwas zu leisten, was uns nicht entspricht. Aber unsere Seele können wir nicht täuschen, früher oder später zwingt sie uns zu einer Lebenskorrektur in Form von einer Krise oder einer Krankheit. Beide stellen einen Wendepunkt dar, an dem das Leben uns die Möglichkeit anbietet, etwas zu integrieren, das aus der Balance geraten ist.

Unglaubliche Fähigkeit zur Selbstheilung

Dieser Krise bzw. dieser Krankheit sind wir nicht machtlos ausgeliefert. „Es gibt keine Heilung außer der, die vom Patienten kommt“, betont Kahili King. Und Wolf Büntig ist sich sicher: „Menschen haben einen unbändigen Drang zur Selbstheilung, eine unglaubliche Fähigkeit zur Selbstreparatur.“ Diese Selbstheilungskräfte anzuregen, kann jeder von uns – auch in scheinbar ausweglosen Situationen. Diese Erfahrung hat Clemens Kuby, bekannter deutscher Filmemacher, der für seine Filme wie „Das alte Ladakh“ und „Living Buddha“ mehrfach ausgezeichnet wurde, gemacht. Er weiß, wovon er spricht, denn nach einem Unfall war er querschnittsgelähmt. Aber mit der Kraft fokussierter Gedanken sowie viel Geduld und durch radikale innere Prozesse hindurch wurde er wieder gesund. Mit der Publikmachung seiner Lebensgeschichte möchte er die Menschen in die eigene Kompetenz führen und zeigen, dass Selbstheilung eine der vielen Fähigkeiten ist, mit denen wir geboren werden. Er lädt uns ein zu erkennen, dass wir die Fähigkeit besitzen, uns selbst zu heilen.
„Spontanheilungen sind kein Wunder,
sondern unterliegen geistigen, feinstofflichen Prozessen
konzentrierter Bewusstseinsarbeit.“
(Clemens Kuby)

Wir sind geistige Wesen, die sich für ihr körperliches und seelisches Wohlergehen von niemandem abhängig machen müssen. Und hier fängt der Erkenntnisprozess an, nämlich eine Krankheit nicht als Fluch zu betrachten, sondern als eine geschenkte Herausforderung, die darin besteht, nicht in die Symptomatik der Erkrankung zu verfallen, sondern sie als Ausdrucksform bzw. Sprachrohr der Seele zu erkennen.

Die Einheit zwischen Körper und Seele

Das ist auch die Hauptbotschaft von Dr. Ruediger Dahlke, Arzt für Naturheilkunde und Psychotherapie und einem der bekanntesten Vertreter der ganzheitlichen Medizin im deutschsprachigen Raum. Seit mehr als 40 Jahren macht er sich für die Verbreitung einer ganzheitlich orientierten Psychosomatik stark, die Krankheitssymptome und -bilder als wertvolle Wegweiser für die Heilung benutzt. In diesem Sinn betrachtet er Krankheiten als Chance zum inneren Wachstum, vorausgesetzt, man nimmt sich die Zeit, die Krankheitsbilder und -symptome zu deuten. Da bei einer Krankheit der Körper zur Bühne wird, liegt seiner Meinung nach der Schlüssel für eine echte Heilung darin, die tiefe Bedeutung einer Krankheit zu erfassen. Der Patient mit seinem Empfinden steht im Zentrum dieses Prozesses, und der psychosomatisch arbeitende Arzt fungiert als Begleiter, der ihn anregt, wieder in die Selbstverantwortung zu gehen.
„Das ist überhaupt unsere Aufgabe als Therapeut,
Patienten ins rechte Licht zu setzen,
damit ihr Licht innerlich aufgeht und sie spüren können:
„Ja, Ich kann’s! Und ich mach’s jetzt!“
(Ruediger Dahlke)

Dass der Körper nicht getrennt von der Seele ist, erfährt Dawn Nelson, erfahrene Massagetherapeutin und Dozentin für Pflegekräfte, jeden Tag in ihrer Arbeit. Sie hat eine Massagetechnik entwickelt, die weniger mit Massage als mit sanfter einfühlsamer Berührung zu tun hat: „Compassionate Touch“. Sie hat diese empathische Massage in Alten- und Pflegeheimen eingeführt, dort wo meistens heilende, nährende und entspannende Berührung den Kranken und Alten weitgehend versagt werden. Doch Berührung ist für unsere Lebensqualität unentbehrlich. Sie ist eine Kommunikation ohne Worte, von Herz zu Herz und bringt innere Wärme und die Gewissheit, dass wir nicht allein sind.
„Es braucht nicht viel: eine sanfte Berührung,
ein offenes Gespräch, ein aufmerksames Zuhören.“
(Dawn Nelson)

Es geht darum, präsent zu sein und die Dinge so zu lassen, wie sie sind, ohne einzugreifen. Was Linderung und Heilung bringt, ist der Kontakt. Man braucht nichts zu tun, sondern wichtig ist einfach da zu sein.

Unser Körper – unser bester Freund

Unseren Körper nicht als Stiefkind, sondern als unseren besten Freund zu betrachten, ist die Botschaft von Sabrina Fox, Bestseller-Autorin und Mediatorin. Oftmals wird der Körper vernachlässigt und als Maschine betrachtet, die es zu reparieren gilt, wenn er krank wird. Er ist aber viel mehr als das: Er ist unser bester Freund, ein Wunderwerk, das unablässig für uns arbeitet. Er zeigt uns, was er braucht, gibt uns Zeichen in Form von Symptomen, manchmal sogar klare Hinweise, damit wir nach einem uns entsprechenden Rhythmus und nach dem leben, was uns in der Tiefe unseres Wesens gut tut. Lange bevor eine Krankheit ausbricht, gibt er uns sogar Warnzeichen, die wir aber leider oft nicht wahrnehmen.
„Unsere Seele sorgt dafür, dass wir genau
die Herausforderungen bekommen, die wir brauchen.
Unser Körper sorgt dafür, dass wir es erleben.
Es ist ein Geschenk, damit wir als Seele
überhaupt ein menschliches Leben führen können.
Deshalb sollten wir ihm unsere Aufmerksamkeit schenken,
ihn pflegen, mit ihm im Dialog sein.“
(Sabrina Fox)

Heilen heißt, die Umstände zu akzeptieren, so wie sie sind
In unserer schnelllebigen Welt ist es schwer für uns zu akzeptieren, dass der Schlüssel der Heilung darin liegt, die Umstände anzunehmen – so wie sie sind. Es geht dabei um eine bewusste Haltung, die alles, was sich ereignet, willkommen heißt. Für François Roustang, der 20 Jahre Psychoanalytiker war, bevor er sich der Hypnotherapie nach Milton Erikson zuwandte, bedeutet Heilung, in Übereinstimmung mit den Umständen zu sein, die unsere Existenz ausmachen. Es ist die Akzeptanz an sich, der positiven wie der negativen Situationen, welche die Umschaltung zur Heilung verursacht. Man nimmt alles, wirklich alles, was uns ausmacht an, und man sagt Ja!
„Man ist mit allem einverstanden.
Das ist etwas ganz Grundsätzliches.
Das ist es, was heilt.“
(François Roustang)

Heilung bedeutet also im ganzheitlichen Sinn, vollkommen präsent und in Übereinstimmung mit den Ereignissen in seinem Leben zu sein. Als François Roustang gefragt wurde, welches Resümee er aus seiner langen Lebenserfahrung gezogen hat, antwortet er ohne zu zögern, dass schlussendlich nichts anderes wichtiger als die Schlichtheit des Alltags ist.
Der Zen-Meister Willigis Jäger drückt es anders aus, aber es beinhaltet die gleiche Botschaft: „Der Weg endet auf dem Marktplatz“. Der Selbsterkenntnisweg führt uns also nicht jenseits des Lebens hinaus, sondern hinein mitten in die Welt – mitten in den Alltag.

Das Leben mit voller Leidenschaft umarmen

Mitten in die alltägliche Realität führt uns auch Daniel Odier, Schüler des tibetischen Meisters Kalu Rinpoche und selbst spiritueller Lehrer. Der Alltag fungiert für ihn als Praxisfeld. Je präsenter wir sind und nicht im „Autopilot“ leben, je mehr Freude finden wir in der einfachen Realität, wie sie sich uns von Sekunde zu Sekunde präsentiert.
„ Wenn wir in der Präsenz sind,
sei es nur einige Sekunden pro Tag,
wird sie sich mit jedem Augenblick ausdehnen
und unser Leben wird sich verwandeln.“
(Daniel Odier)

Es geht also darum, in das Leben hineinzutauchen und die einfachen Freuden des Alltags zu genießen. Und diese Freude am Augenblick kann uns niemand mehr nehmen. Das ist das Geheimnis: In der tiefen Kommunikation mit der Realität unseres Lebens, so wie es ist, zu kommen.

Ja zu sich und seinem Leben

Ein großes Ja aussprechen – zu seinem Leben, wie es gerade ist, zu dem, was in diesem Moment sowieso nicht verändert werden kann, das ist nach Ruediger Schache, Bestseller-Autor und Seminarleiter, der innere Schalter zum Glück. Dieses Ja zur Gegenwart bedeutet auch im Falle einer Krankheit, dieser ohne Abwehr zu begegnen. Wenn wir einer Krankheit ein vollkommenes Ja geben, steht uns unsere ganze Kraft für den Heilungsprozess zur Verfügung. Das ist gleichzeitig ein Ja zum Leben mitsamt der Aufgabe, die es gerade bringt. Gibt man sich dem Heilungsprozess hin – der ein Prozess der Transformation ist –, dann merkt man, dass man aufgefordert wird, wieder „ganz“ (heil) zu werden, das heißt die Anteile zu integrieren, die man vernachlässigt hat, aber die man unbedingt braucht, um glücklich zu sein.
Es geht also im Laufe dieses Prozesses nicht darum, ein anderer zu werden, sondern ein großes Ja zu der Person, die ich bin, auszusprechen.
„Die Gedanken sagen Ja, die Gefühle sagen Ja,
das Handeln sagt Ja, das Herz sagt Ja.
Am Ende ist da eine vollkommene Umarmung
des Lebens und seines Selbst.“
(Ruediger Schache)

Es gibt dann nichts mehr zu leisten, sondern nur noch zu sein. Eine sehr schöne Geschichte versinnbildlicht es: Rabbi Belschem lag im Sterben. Sein Sohn sagte zu ihm: „Vater, es wäre wunderbar, wen du vor Gott treten könntest und sagen könntest: Ich bin Abraham.“ Der Rabbi antwortete ihm: Gott wird mich nicht fragen, warum warst du nicht Abraham. Er wird mich fragen, warum warst du nicht Belschem?“
„So wie ich bin, bin ich eine Ausdrucksform des Göttlichen. Gott möchte in mir Mensch sein, zu dieser Zeit, an diesem Ort, in dieser Gestalt. Das ist der einzige Grund, warum wir Menschen geworden sind.” 
(Willigis Jäger)